Laborschule Bielefeld
Geschrieben von (Gianmarco) in Sonstiges am 21. Dezember 2009
Mit Uli Hartman, komisarischem Sekundarstufenleiter der Laborschule Bielefeld, sprach Gianmarco Crapa über Alternativen zur konventionellen Schule.
Uli Hartmann, die Laborschule Bielefeld hat als Versuchsschule des Landes den Auftrag neue Formen des Lehrens, Lernens und Zusammenlebens in der Schule zu entwickeln. Was macht die Laborschule anders als vergleichbare Regelschulen?
Praktisch alles. Das geht bei der räumlichen Gestaltung los, das geht weiter bei den pädagogischen Grundlagen und führt weiter zum Reisecurriculum. Wenn man das spezifizieren will, ist „alles“ natürlich nicht richtig. Im Curriculum und in den Fachinhalten hat man genau das drin, was landesweit üblich auch an anderen Schulen gilt, wenn auch in etwas anderer Reihenfolge und mit anderer Schwerpunktsetzung.
Räumlich heißt, dass wir keine Klassenzimmer haben.
Die pädagogische Grundlage ist immer vom Kind her zu denken. Wir stellen das Kind und seine Individualisierung seit 35 Jahren in den Mittelpunkt. Heterogenität ist das wichtigste Merkmal unserer Schule.
Die Laborschule hat sich zum Ziel gemacht möglichst viele Kinder aus bildungsfernen Familien zu erreichen. Wie kommt es, dass gerade Akademikerkinder überdurchschnittlich stark vertreten sind?
Erstmal sind die Daten auf die du ansprichst schon ein bisschen älter, das hat sich in der letzten Zeit wieder gewandelt. Wir bekommen die Heterogenität was die soziale Schichtung angeht, mittlerweile ganz gut hin. Auch in der Vergangenheit haben wir das schon ganz gut hin bekommen.
Tendenziell haben wir mehr Akademikerkinder, weil wir nah an der Universität sind. Da sind wir und Reformpädagogik allgemein natürlich bekannter und dementsprechend melden dann – teilweise auch Studenten mit Kindern, die dann eine weitergehende Unilaufbahn anstreben – ihre Kinder hier an.
Die Aufnahme auf unsere Schule erfolgt nach einem bestimmten Schlüssel. Die soziale Schichtung Bielefelds soll in der Zusammensetzung der Schülerschaft abgebildet werden.
Ein Kind aus einer Migranten- oder Arbeiterfamilie hat somit so gut wie sicher einen Platz, während Akademikerplätze, wegen der hohen Nachfrage, von der wissenschaftlichen Einrichtung verlost werden.
In den letzten Jahren funktioniert dieses System immer besser, auch weil wir – nach über 35 Jahren hört sich das vielleicht komisch an – ein besseres Image bekommen.
Wie hat sich das Image über die Zeit gewandelt?
Das kann man heute wieder ganz gut an der „Neuen Schule Hamburg“ – die Schule die Nena mitgegründet hat – sehen. Die haben auch ein ganz anderes Klientel und das muss sich erstmal einspielen. Zuerst melden Leute, die etwas experimentierfreudiger sind, die ein anderes Bildungsverständnis haben, die vielleicht durch PISA, oder Veröffentlichungen in der Fachwissenschaft informiert wurden, ihre Kinder an solchen Schulen an. Fernseh-, Rundfunkbeiträge und Interviews – wie hier – folgen und man wird bekannter und angesehener.
Du gibst deinen SchülerInnen bis zur neunten Stufe keine Noten, sondern schreibst bewertende Berichte. Als Regelschüler kennt man so ein System am ehesten noch aus der ersten und zweiten Grundschulklasse. Was ist der Vorteil der Berichte?
In dem Moment wo man Individualisierung und Heterogenität in den Mittelpunkt stellt und in den Gruppen Schülerinnen und Schüler hat, die ein ganz breites Spektrum an Leistungsfähigkeit aufweisen, ist es schwierig mit Noten zu operieren.
Der eine hat dann im Schnitt auf seine soziale Gruppe, sprich die Klasse, immer schlechte Noten und die anderen immer die guten Noten. So kennen wir das von der Regelschule.
Wenn ich aber eine Heterogenität habe, kann ich nicht mit Noten arbeiten. Der eine – der schwächere Schüler – erbringt für sich in dem Jahr vielleicht eine super Leistung und ich muss ihm durch das Notensystem trotzdem eine 4 oder 5 geben. Da sind Berichte die bessere Rückmeldung, die Schüler ganz individuell beurteilen und darüber hinaus eine Art Förderplan aufstellen. Der Stärkere wird auf einem ganz anderen Niveau beurteilt, als der Schwächere und so durchläuft man hier seine 11 Jahre Laborschule ohne ständig mit seinen Noten unzufrieden zu sein. Die Leistungsmotivation wird also nicht herabgesetzt.
Darüber hinaus können Noten ohnehin nie objektiv sein. Das wird zwar immer suggeriert, sind sie aber nicht. Unsere Berichte hingegen werden für die Schüler, teilweise auch für die Eltern, geschrieben und in denen steht bloß:“Das und das haben wir gearbeitet, das hast du so gemacht, da warst du top, da warst du nicht so gut, da musst du noch weiter arbeiten.“ Und diese Feststellungen sind objektiv.
Warum vergebt ihr in der neunten und zehnten Stufe dennoch numerische Noten im klassischen Sinn?
Das ist ja ganz klar. Wir müssen ja anschlussfähig sein. Die Schüler gehen nachher ans Gymnasium, auf eine weiterführende Schule, auf das Oberstufenkolleg, an eine Gesamtschule, oder machen eine Ausbildung und da werden die Noten verlangt.
Eigentlich wollte Hentig von Anfang an keine Noten vergeben, genau aus den eben genannten Gründen. Das wurde aber vom Ministerium nicht genehmigt, was ich auch ein Stück weit verstehen kann. Die erlauben uns so zu sagen das auszuprobieren, was wir wollen. Wir ahben eine Versuchsschule auf Dauer gestellt, die immer wieder neue pädagogische Dinge erfindet, überprüft und forscht und dann wollen die nachher einfach sehen, wo unsere Schüler stehen. Deswegen vergeben wir ab Jahrgangsstufe 9.2 Noten.
PISA stellt fest, dass die LaborschülerInnen ihren MitschülerInnen aus den Regelschulen beispielsweise in Mathe unter-, aber was das politische Verständnis angeht überlegen sind. Woran könnten die Unterschiede liegen?
Erstmal muss man sagen, PISA hat hier 60 Schülerinnen und Schüler getestet. Das ist keine große Stichprobe. Auf anderen Schulen sind die Jahrgänge, also die Stichproben natürlich größer. Deswegen ist das meines Erachtens nicht so aussagekräftig, dass man sagen könnte die seien hier in Mathe grundsätzlich alle schlecht. Andererseits muss man sagen, machen wir auch nicht alles super und ich glaube gerade Mathe ist in diesem offenen, selbstgesteuerten, in Richtung problemorientiertem, handlungsorientiertem Unterricht, der gerne auch außerhalb von Schule arbeitet, schwieriger umzusetzen. Das geht bis zur achten Klasse inhaltlich noch einigermaßen gut, aber ab der 9 wird es dann schwierig. Das wäre eine Erklärung.
Wenn man sich weitere Studien und auch PISA genauer anguckt, ist es so, dass auch andere Schulen gerade in Mathe Probleme haben. Ich würde fast sagen, dass wir es hier mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun haben. Da scheint irgendetwas in unserer Wissensgesellschaft nicht ganz rund zu laufen und wir wissen auch nicht was. Aber man muss festhalten: Auch in Mathe kommen unsere Schüler an Oberstufen gut klar.
Du gehst also von einer Matheverdrossenheit in der Gesellschaft aus?
Könnte sein. Ich hab auch schon von Wissenschaftlern gelesen, die genau das ein Stück weit bestätigt sehen. Aber ich will jetzt die PISA Ergebnisse nicht wegreden. Nur muss man auch betrachten, dass wir es hier mit 60 Schülern aus einem speziellen Jahrgang zu tun hatten. Dieser PISA-Jahrgang hatte ganz starke Betreuungslehrer in den Geisteswissenschaften und so entwickelt sich bei den Schülern natürlich auch eher eine Präferenz in diese Richtung. Das spielt alles eine Rolle.
Dann sprechen wir doch mal über den positiven Teil, woher kommt das gute politische Verständnis?
Das liegt natürlich an den Grundlagen. Am Schulprogramm, an den pädagogischen Prinzipien, hier ist Schule als Polis verankert – als Erfahrungsraum, als Lebensraum. Gesellschaft wird im Kleinen gedacht. Da wird zusammen jedes Jahr einmal auf Klassenfahrt gefahren, was längst nicht alle Schulen machen.
Auch die Heterogenität ist natürlich ein Knackpunkt. Man achtet darauf die Gruppe zusammen zu halten. Es wird auf die Schwächeren geachtet, aber genau so auf die Stärkeren , dass auch die ihr Futter kriegen. Aber auch die Starken können nicht alles super und können in einigen Bereichen was von den Schwächeren lernen. Natürlich ist so eine „In die Stadt heraus“-Schule einfacher in Deutsch und SoWi zu denken. Hier kann ich ins Museum gehen, da kann ich Wahlen nachspielen. So bekommt man die Themen natürlich viel näher und greifbarer, also ein ganz anderes soziales, politisches und gesellschaftliches Verständnis.
Soziale Selektion, – ich beziehe mich wieder auf PISA -, sprich der Einfluss der sozialen Herkunft, spielt auf der Laborschule anscheinend eine genau so große Rolle, wie auf anderen Schulen. Stellt dieser Befund das Laborschulkonzept in Frage?
Das ist uns natürlich auch aufgefallen und haben danach sofort gesagt:“So, das geht nicht.“ Das würde in der Tat das ganze Konzept auf den Kopf stellen. Wir haben dann über die Absolventenstudie, die seit 25 Jahren gemacht wird, einen sehr großen Datenstamm genutzt um zu sehen wie die soziale Selektion aussieht. Unser Forschungsprojekt, das die letzten 6 Jahrgänge eingerechnet hat, widerlegt das PISA-Ergebnis. Schüler aus reinen Migrantenfamilien sind demnach genau so stark oder schwach wie Schüler mit ausschließlich deutschen Elternteilen. Das zeigt, dass die soziale Selektion bei uns nicht greift und es in diesem Fall am speziellen PISA-Jahrgang liegt, wo im Laufe der Jahre durch Umzug viele starke Schüler herausgezogen wurden.
Aber über die Jahre gerechnet – und da haben wir uns natürlich sofort drauf gestürzt – tritt der Effekt nicht auf.
Das PISA-Ergebnis war also eine reine Eintagsfliege?
Das könnte man so sagen. Mit speziellen Implikationen. Wir sind natürlich froh, dass sich das ein Stück weit in Luft aufgelöst hat. Was sich in der Tat als interessant herausgestellt hat ist, dass Schüler aus Familien mit einem Migrationselternteil signifikant stärker sind als die anderen Mitschüler – gerade was Sprache angeht. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Natürlich muss man da nochmal genauer hinsehen, aber das wäre ein Beispiel das belegt, dass eine Heterogenität, ein System wie wir es haben, wichtig wäre um die aktuelle Integrationsdebatte völlig neu zu denken.
In NRW hat sich viel getan. Zentralabitur und Abitur in 8 Jahren (G8) sind nur zwei Beispiele. Inwieweit geraten alternative Schulkonzepte während solcher Entwicklungen unter Druck?
Ich glaube nicht, dass wir unter Druck geraten. Ich glaube, dass sich das Land damit schmücken kann, dass es solche Schulversuche hat und wenn man mal genau hinschaut: In den letzten 35 Jahren sind viele Impulse von uns an die normalen Schulen gegangen– was ja unserem Auftrag entspricht.
Was hat sich durch die Laborschule an den Regelschulen verändert?
Zum Beispiel der Englischfrühbeginn, den machen wir seit 35 Jahren in der dritten Klasse. Den gibts in NRW jetzt seit etwa 6 Jahren. 60 Minuten Unterricht, wird jetzt an bestimmten Schulen eingeführt – den haben wir seit 35 Jahren. Keine Klingel – das sind alles so Kleinigkeiten. Wenn man auf größere Sachen guckt, dann auch das NaWi-Konzept. Wir haben ungegliederten, naturwissenschaftlichen Unterricht. Der ist in den weiterführenden Schulen jetzt in den Jahrgängen 5 und 6 möglich und ist von der alten, rot-grünen Landesregierung eigentlich schon bis zum 10. Jahrgang konzipiert worden. Den Schritt hat die CDU-Regierung aber wieder zurückgenommen.
Das sind Sachen die zurückstrahlen. Obwohl es am Ende oft nicht ganz klar ist, dass solche Anstöße und solche Ideen von hier ausgegangen, durch die wissenschaftliche Debatte gegangen sind und irgendwann an den Regelschulen landeten. Unsere zweite Ebene als Versuchsschule ermöglicht es vielen Besuchern hier zu hospitieren und etwas von dem was sie hier sehen, mit nach draußen zu nehmen.
Das sind alles Punkte, weshalb wir nicht unter Druck geraten. Wir müssen unsere Schulzeit, genau wie die Gesamtschulen, nicht verringern und werden das auch nicht. Wir sehen das ganzheitlich und sind ganzheitlich aufgebaut.
Aber widerspricht das Zentralabitur nicht dem pädagogischen Konzept der Laborschule?
Ja, klar. Gerade wenn man sieht, dass wieder nur bestimmte Fächer fürs Abitur zugelassen werden. Ein ganzheitlicher Mensch kann vielleicht super Sport und Kunst und vielleicht nicht so gut Mathe und Englisch, kann aber trotzdem ein sehr intelligenter Mensch sein. Von daher könnte man schon sagen, dass das dem ein Stück weit widerspricht. Da wären wir bei der grundsätzlichen Diskussion – Spezial- oder Allgemeinbildung? Was braucht man – was muss man für eine allgemeine Hochschulreife nachweisen können? Welche Mindeststandards, welche Regelstandards? Sehr schwierig.
Du duzt deine SchülerInnen und deine SchülerInnen duzen dich. Wo bleiben da Respekt vor der Autoritätsperson und professionelle Distanz?
Das ist ein bestimmtes Lehrerbild, was dahinter steckt. Wofür brauche ich professionelle Distanz? Wenn ich Profi bin, dann brauch ich keine Distanz, dann brauch ich Nähe. Dann muss ich ein möglichst gutes Verhältnis zu meinen Schülern aufbauen, damit ich teilweise hinter die Fassaden gucken kann. Wie kann ich dem helfen? Muss ich da nochmal zu Hause vorbei? Muss ich da vielleicht wirklich mal Distanz aufbauen, dass sie einem, bildlich gesehen, nicht immer auf’m Schoß sitzen? Aber per se brauche ich keine professionelle Distanz.
Und Autorität bekomme ich bei den Schülern nur über meine Leistung. Bin ich ein gerechter Lehrer? Bin ich jemand der auch mal nachfragt wie es zu Hause läuft? Bin ich jemand der auch mal Spaß macht? Bin ich jemand der vor allem auch fördert?
Wenn ich mit denen in der Pause auch mal Fußball spiele – wenn ich authentisch bin und vor allem wenn ich auch mal einen Fehler eingestehe – dann erlange ich Autorität. Aber sicher nicht über Sie oder Du. Nicht darüber, dass ich unnahbar bin. Und ich will nicht sagen, dass nur wir das so machen, da gibt’s noch einige Lehrer an anderen Schulen, die das genau so sehen. Meines Erachtens muss sich diese Sicht einfach noch ein Stück verbreiten.
Du hast einen Wunsch im Kultusministerium frei. Was würdest du dir wünschen?
Der utopische Wunsch wäre praktisch komplett aus dem viergliedrigen Schulsystem aus zu steigen, ein Einheitsschulsystem – so wie wir das machen – mit speziellen Voraussetzungen. Es braucht Heterogenität. Das ist auch der Grund warum andere Gesamtschulen nicht so gut funktionieren, wie sie funktionieren könnten. Den Gesamtschulen fehlt die Leistungsspitze. Die geht nämlich aufs Gymnasium. Wäre das nicht so, würden auf Gesamtschulen die Ergebnisse nochmal besser sein.
Das wäre also der utopische Wunsch, weil ich glaube, dass das die Lösung für PISA, oder auch die Wirtschaft wäre.
Die Schweden – die PISA Gewinner – waren Anfang der 1970er Jahre hier bei Professor Hentig, haben sich seine Konzepte in Bielefeld angeguckt und setzten die zu Hause flächendeckend um. Jetzt fahren die Deutschen nach Schweden und gucken sich dasselbe da an und das find ich ein bisschen komisch.
Wenn ich jetzt keinen utopischen Wunsch hätte, würde ich mich freuen, wenn die Individualisierung vom System her ernster genommen wird. Sitzen bleiben möglichst abschaffen, mehr offener statt Frontalunterricht, gegebenenfalls Klassenstärken verkleinern.
Hier könnte man schnell und einfach weiterhin Konzepte übernehmen, die teilweise an unserer Schule entwickelt wurden und auch sicherlich teilweise in Zukunft übernommen werden. Da könnte man also sukzessive an Regelschulen etwas verbessern.
Wobei ich sagen muss, dass auch wir nicht alles hundertprozentig super machen. Es gibt immer Bruchstellen, an denen man arbeiten muss.
Ein schönes Schlusswort – ich bedanke mich.
Gerne.











