“Abschluss ist kein Ziel” – alternative Bildungskonzepte
Geschrieben von (Gianmarco) in Sonstiges am 21. Dezember 2009
Michael Sappir erklärt im Interview mit Leon den Arbeitsalltag und die Grundsätze eine Sudbury Schule.
Leon: Du bist in Israel groß geworden und hast dort eine Sudbury School mitgegründet – wie war das als Schüler eine Schule zu gründen?
-Michael Sappir: Es war nicht einfach, als Schüler an der Gründung teilzunehmen. Ich wollte unbedingt bei allen Sitzungen dabei sein, und das habe ich gemacht, obwohl diese immer abends stattfanden, und oft viel länger gingen als ich sonst wach gewesen wäre. Dabei war es schwierig, tagsüber meine damalige Schule, die Experimentelle Schule, zu besuchen, die sich als “teilweise frei” bezeichnet, obwohl sie in der Tat fast genau wie eine Regelschule funktioniert. Das Wissen, dass es anders sein könnte, hat die Schule mit der Zeit fast unerträglich gemacht. Am Ende des Schuljahrs waren meine Eltern mit mir mehr oder weniger einig, dass ich einfach irgendwie zu Hause bleiben würde, wenn das nächste Jahr die Sudbury-Schule nicht bzw. noch nicht entstanden ist.
Dazu kommt auch, dass es nie leicht ist, eine unpopuläre Meinung zu vertreten, und dies tut man ganz genau, wenn man eine demokratische Schule gründet oder sogar nur besucht. Man muss oft und immer wieder die ganze Sache erklären. Demokratische Schulen funktionieren ganz anders als die Regelschule, und weil die meiste Sachen, die man aus der Regelschule kennt, für unnötig erkannt werden, ist es für viele Menschen sehr schwer, mit dieser Idee konfrontiert zu werden. Sie fühlen sich dadurch angegriffen oder beleidigt, und das macht es wiederum manchmal schwer und unangenehm, solchen Sachen zu diskutieren. Jedoch lernt man daraus auch, und das hat mir auf jeden Fall eine Gelegenheit angeboten, meine Argumentation zu üben.
Leon: Was sind die zentralen Prizipien dieser Schulen – und wie unterscheiden sie sich zu denen der Regelschule?
Michael Sappir: Eine Sudbury-Schule hat sehr wenig mit einer Regelschule gemeinsam. Sudbury-Schulen arbeiten nach einem einfachen Prinzip: Die Schüler sind frei, ihr eigenes Leben zu führen und eigenes Lernen zu gestalten. Sie bewegen sich lediglich innerhalb der Grenzen, die durch die demokratische Selbstverwaltung festgelegt werden. An der Schuldemokratie dürfen alle Schulmitglieder teilnehmen, ob Schüler oder angestellte Mitarbeiter; jeder hat genau eine Stimme, egal wie jung oder alt man ist. Die Schulversammlung verfügt über die höchste Kompetenz; dort werden unter anderem alle Entscheidungen über das Schulbudget getroffen, sowie sämtliche Einstellung und Entlassung von den erwachsenen Mitarbeitern.
Die zwei Leitprinzipien des Schulmodells sind Vertrauen und Verantwortung. Den Schülern, als Mitgliedern der Schulgemeinschaft, wird vertraut, ihre eigene Zeit zu managen und ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig wird allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft volle Verantwortung über ihr eigenes Leben gegeben, und dabei sind alle zu gleichen Teilen für die Schule als Ganzes verantwortlich, mittels der demokratischen Institutionen der Schule. Keiner wird gezwungen, an der Schuldemokratie aktiv teilzunehmen, aber jeder hat immer das Recht, mitzumachen, wenn er was ändern möchte.
In Gegensatz zu den herkömmlichen Schulen, wird in demokratischen Schulen Wert auf alle möglichen Arten von Lernen gelegt, nicht ausgerechnet das Akademische. Schüler dürfen sich völlig frei aussuchen, wie sie ihre Zeit in der Schule verbringen möchten; es gibt keinen Stundenplan und keiner guckt nach, dass die Schüler “das Richtige” lernen. Es kann einer ja nur für sich selbst wissen, was gelernt werden muss. Natürlich ist es nicht immer leicht, herauszufinden, was einen interessiert. Aber genau dieses Herausfinden ist eine wichtige Herausforderung, mit der Schüler an einer Sudbury-Schule von klein auf konfrontiert werden. Dieses Prozess betrachten wir selbst als ein wichtiges Lernen. Ob jemand lieber Physik lernt oder Fußball spielt ist der Schule egal, solange derjenige nicht gegen die von der Schulversammlung festgelegten Regeln verstoßt. Die Regeln beziehen sich auch nicht darauf, was man lernt, sondern ausschließlich auf das Zusammenleben der Schulgemeinschaft – wie man sich miteinander verhalten sollte und welche Gremien und Mechanismen bestehen als Teil der Schuldemokratie. Die persönlichen Entscheidungen und der Gebrauch der eigenen Zeit bleiben einem selbst überlassen, wie für Erwachsene in der Gesellschaft.
Leon: Wie läuft ein typischer Schultag in einer Sudbury-Schule ab?
Michael Sappir: Es gibt nicht wirklich einen typischen Tag an einer Sudbury-Schule. Jeder in der Schule macht zu jeder Zeit was anderes, deshalb ist für jeden Mensch jeder Tag anders. In meinen vier Jahren in Sudbury Jerusalem hatte ich verschieden Phasen, in welchen ich immer einen anderen typischen Tagesablauf hatte. Als Beispiel könnte man sich folgendes vorstellen, obwohl ich nicht sicher bin, ob ich genau so einen Tag jemals gehabt habe:
Ich komme früh in die Schule. Zunächst trage ich mich in die Anwesenheitsliste in der Eingangszone ein. Nachdem ich alle in dem Wohnzimmer (neben dem Eingang) gegrüßt habe, gehe ich kurz in das Computerzimmer, um zu überprüfen, dass dort alles in Ordnung ist; in meiner Zeit an der Schule war ich Vorsitzende der Computer AG und das Computerzimmer war mein Bereich. Wenn alles im Zimmer geklärt worden ist – wenn überhaupt was zu klären war – gehe ich in die Küche und koche mir einen Kaffee. Diesen nehme ich dann in das Wohnzimmer, wo ich die nächste Stunde einfach mit Freunden – ein paar Schülern und eine oder zwei Mitarbeitern – über alles mögliche quatsche. Es wird mal von Familie, mal von Politik, mal von Schulorganisatorischem geredet, je nachdem, was gerade so ist und wer gerade da ist. Dann müssen langsam einige woanders hin – zu einem Kurs, einer Diskussionsgruppe oder einem Komitee. Es wird selten was eher als 9:00 geplant, weil erst um 9:00 alle da sein mussten.
Wenn es im Wohnzimmer ein bisschen leiser geworden ist, nehme ich ein Buch aus meiner Tasche und lese ich eine Weile. Wenn ich genug gelesen habe oder es wieder lauter geworden ist, setze ich mich vor das Bürorechner und arbeite an der neuen Version des Schulgesetzbuches. Mit einem kleinen USB-Laufwerk kann ich direkt am Bürorechner meine eigene Musik hören, und so sitze ich dort gerne eine oder zwei Stunden, solange sonst keiner an den Rechner muss.
Gegen den Mittag packe ich ein kleines bisschen Mittagessen aus meiner Tasche aus und setze mich an dem Esstisch zwischen Küche und Wohnzimmer. Dort essen gerade zu der Zeit einige andere, und es gibt fast keinen Platz mehr am Tisch. Nachdem man gegessen hat, bleibe ich in der Nähe und rede weiter mit Freunden. Wir stehen eine Weile in der Küche rum und danach gehen wir raus in den Garten, um uns dort für die restliche Zeit bis zum Tagesende (15uhr) weiter zu unterhalten.
Es gab Tage, die viel hektischer waren, und auch Tage, die ruhiger waren. Es hat auch nicht jeder an dem Schulgesetzbuch gearbeitet (das war eher nur mein persönliches Hobby, und nur in meinem letzten Schuljahr), oder so viel gequatscht. Es haben sich auch mittlerweile Sachen in der Schule einigermaßen geändert – jetzt sind die Anwesenheitszeiten flexibler, und viele ältere Schüler gehen öfters länger aus der Schule raus um Sachen anderswo zu unternehmen. Für mich in meinem letzten Schuljahr wäre aber der oben beschrieben Tag ziemlich typisch.
Leon: Ist es nicht problematisch kein Ziel, wie das Abitur oder die Mittlere Reife zu haben?
Michael Sappir: Die Fragestellung täuscht. Ich würde eher sagen, dass es problematisch ist, sich ein Abitur oder einen ähnlichen Abschluss als Ziel zu setzen. Ein Abschluss ist an sich kein Ziel, sondern ein Mittel. Wenn du an irgendeiner Schule ein paar Jahre verbracht hast, und daraus viel bekommen hast, dann ist ja das, was du daraus gemacht hast, genügende Belohnung. Ein Abschluss dient sowieso nur dazu, dass eine Leistung von anderen Institutionen anerkannt wird. An sich ist dieser Abschluss kein gutes Ziel, wenn man noch nicht weiß, was man damit machen sollte. Ich habe zwar persönlich das Abi in Israel extern abgeschlossen, weil ich in die Uni gehen wollte, aber einige meiner Mitschüler in der Sudbury-Schule haben das nicht gemacht, weil die andere Ziele hatten.
Wenn man ein echtes Ziel hat, nach dem man begeistert strebt, ist es ein natürlicher Teil davon, dass man sich alles besorgt, was für das Ziel erforderlich ist. Sei es ein Abschluss oder eine bestimmte Kompetenz, man hat an einer Sudbury-Schule die Zeit und den Raum, herauszufinden was man für sein Ziel braucht, und dieses zu erreichen. In Deutschland wie in Israel und wie in allen Ländern auf der Welt, gibt es auch immer unkonventionelle Wege, gewisse Ziele zu erreichen. In Israel ist es z.B. auch nach der Schulzeit möglich, ein Nicht-Schüler-Abi zu machen, genau wie das, das ich während meiner Zeit in der damals noch nicht genehmigten Sudbury-Schule gemacht habe. Es wird in den USA oft berichtet, wie Abgänger von Sudbury-Schulen ohne herkömmliche Abschlüsse an die Uni ihrer Wahl kommen, indem sie Dozenten, Dekanen oder Behörden mit ihrer persönlichen Begeisterung überzeugen. Selbst in Deutschland gibt es an Unis Dozenten (zumindest eine, die ich kenne), die weder Abitur noch Doktorgrad haben. Wenn man ein echtes Ziel hat, selbst wenn man einen Abschluss bräuchte und keinen hat, lassen sich Wege finden. Es ist nicht unbedingt leicht, aber höchstwahrscheinlich leichter als ein Jahrzehnt in der Regelschule (und bestimmt schneller.)
Leon: Gibt es Schulgeld und wirkt sich das auf die SchülerInnenschaft in Sudburyschools aus?
Michael Sappir: Im Bereich Schulgeld ist jede Schule und auch jedes Land anders. Dies ist eine Sache, die extrem durch sozialen Normen und Bildungspolitik bedingt ist. In Sudbury Jerusalem gibt es Schulgeld, weil sich die Schule nur so finanzieren kann. Die Schule wurde erst neulich staatlich anerkannt und bekommt dementsprechend erst jetzt rückwirkend staatliche Unterstützung. Die Schule hat vor, das Schulgeld zu senken oder komplett abzuschaffen, sobald wie möglich; momentan wird noch an alten Schulden gearbeitet, und das Geld vom Staat ist noch nicht komplett da.
Es ist schwer einzuschätzen, welche Wirkung das Schulgeld auf die Schüler gehabt hat. Die Schule hat vom Anfang an versucht, jeder Familie, die es nötig hatte, das Schulgeld niedriger festzulegen, weil in Jerusalem ein sehr großer Einkommenskluft besteht. Die Demographie der Schule spiegelt mehr oder weniger die des gesellschaftlichen Sektor, in dem die Schule sich befindet, wider: nicht-Haredi (super-orthodoxe) Juden. Menschen aus den anderen Sektoren der Gesellschaft (Haredi Juden wie Araber) sind an der Schule natürlich auch willkommen, zeigen aber meistens wenig bzw. kein Interesse an dieser Schulform. Es gibt in der Schule also Menschen aus einer Vielfalt von unterschiedlichen Hintergründen und sozio-ökonomischen Lagen.
Leon: Gibt es in NRW aktive Gruppen?
Michael Sappir: Die einzige mir bekannte Gruppe in NRW ist die in Düsseldorf: http://www.demokratische-schule-duesseldorf.de/
Gruppen und Interessenten kann man auch immer in dem Verteiler Sudbury_Germany: http://de.groups.yahoo.com/group/Sudbury_Germany/
Durch die EUDEC kann man sich auch mit anderen Interessenten in ganz Europa vernetzten und austauschen: http://www.eudec.org
Und bei weiterem Interesse zum Thema, kann man auf meiner Webseite ein bisschen mehr finden, und mich dort auch kontaktieren: http://sappir.net





























